Akute Lymphatische Leukämie und Akute Myeloische Leukämie

Kurzinfo:

Die akute lymphatische Leukämie (ALL) und die akute myeloische Leukämie (AML) entstehen beide im Knochenmark, betreffen aber unterschiedliche unreife Blutzellen: Lymphoblasten bei der ALL und meist Myeloblasten bei der AML. Diese Zellen tragen andere biologische Merkmale sprechen deshalb auch nicht auf dieselben Medikamente an.

Was sind Akute Lymphatische Leukämie (ALL) und Akute Myeloische Leukämie (AML)?

Die beiden häufigsten Unterarten von Leukämie sind die akute lymphatische Leukämie (ALL) und die akute myeloische Leukämie (AML). Beide sind Krebsarten des Blutes und des Knochenmarkes. Die Überlebensraten unterscheiden sich innerhalb dieser Leukämiearten stark: Während bei ALL bereits bis zu 95% der Kinder geheilt werden können, sind es bei der AML erst 75%.

Wie unterscheiden sich ALL und AML?

Bei ALL und AML vermehren sich unreife Blutzellen im Knochenmark unkontrolliert. Der Unterschied liegt darin, welche Zellen betroffen sind: Bei der ALL sind es Lymphoblasten, bei der AML meist Myeloblasten. Diese Zellen bleiben unreif, funktionieren nicht richtig und verdrängen gesunde Blutzellen.

Was sind Lymphoblasten?
Lymphoblasten sind junge Vorläuferzellen der Lymphozyten. Aus ihnen entstehen normalerweise B-Zellen und T-Zellen. B-Zellen können Antikörper bilden und T-Zellen helfen dabei Tumorzellen abzutöten. Entsprechend hat die ALL je nach betroffenem Zelltyp weitere Unterarten, wie etwa die B-ALL oder die T-ALL.

Was sind Myeloblasten?
Myeloblasten sind junge Vorläuferzellen bestimmter weißer Blutkörperchen. Aus ihnen entstehen normalerweise Abwehrzellen wie neutrophile, basophile und eosinophile Granulozyten. Diese Zellen helfen dem Körper, Krankheitserreger wie Bakterien, Viren oder Parasiten zu bekämpfen.

Warum werden ALL und AML unterschiedlich behandelt?

Obwohl beide Erkrankungen zu den Leukämien gehören, unterscheidet sich die Chance auf Heilung drastisch. Kinder mit AML erleben beispielsweise deutlich häufiger Rückfälle als Kinder mit ALL, was mit geringeren Überlebensraten einher geht.

Da liegt ein Gedanke nahe: Bei beiden Krebsarten vermehren sich Blutzellen unkontrolliert im Knochenmark. Warum kann man AML-Zellen dann nicht „einfach“ mit derselben Methode wie ALL-Zellen bekämpfen? Das liegt daran, dass – obwohl oberflächlich sehr ähnlich – die beiden Krebsarten fundamentale biologische Unterschiede haben.

  • Unterschiedliche Rezeptoren fordern unterschiedliche „Suchmechanismen“
    Auf der Oberfläche jeder Krebszelle befinden sich biologische Merkmale, sogenannte Rezeptoren. Moderne Krebsmedikamente werden im Labor so hergestellt, dass sie nur an ganz bestimmten Rezeptoren andocken können und dort einen Befehl auslösen, zum Beispiel: Zerstöre dich selbst.
    Das Problem: Die Zellen der verschiedenen Leukämiearten haben unterschiedliche Empfangsantennen. So hat die B-ALL die „CD19“-Antenne, während die AML-Zelle andere Modelle auf dem Dach hat, wie zum Beispiel „CD33“ oder „CD123“.
    Sendet man nun das für ALL entwickelte Medikament in den Körper eines AML-Patienten, läuft die Funkfrequenz ins Leere, weil keine Antenne sie empfängt. Die AML-Zellen bleiben für das Medikament unsichtbar.
  • Unterschiedliche Signalwege fordern andere Hemmstoffe
    Ein anderer Weg, Krebs zu bekämpfen, erfolgt über die Signalwege. Normalerweise stößt ein Signal wie bei einer Dominokette von außen eine Reaktion in der Zelle an, die dann durch die Zelle bis zur Reaktion weitergegeben wird. Aber: Auch hier kann es Mutationen geben, die zu Fehlern in der Weitergabe des Signals führt. In der Behandlung muss ein passendes Molekül gefunden werden, das genau diesen einen konkreten Fehler attackiert, der bei der jeweiligen Leukämieart vorliegt.
  • Kortison hilft bei ALL, aber AML zeigt Resistenz
    Ein Eckpfeiler der ALL-Behandlung sind hochdosierte Glukokortikoide, besser bekannt als Kortison. Die lymphatischen Zellen, aus denen die ALL entsteht, reagieren empfindlich auf dieses Hormon: Das Kortison zwingt sie regelrecht in den Zelltod.
    Myeloische AML-Zellen hingegen besitzen diese biologische Schwachstelle nicht. Sie sind von Natur aus nahezu komplett resistent gegen Kortison. Ein Hauptmedikament der ALL-Therapie zeigt bei der AML also überhaupt keine Wirkung.
  • Unterschiedliche Stadion der Zellen
    Bei der AML mutieren oft Zellen, die noch ganz nah an der echten, alleskönnenden Blutstammzelle liegen. Diese AML-Stammzellen haben die Fähigkeit zur unendlichen Selbsterneuerung von der Ur-Stammzelle geerbt. Sie sind biologisch extrem „unreif“, schlafen oft (teilen sich tagelang nicht, weshalb Chemotherapie sie nicht sieht) und sind entsprechend sehr widerstandsfähig. 

Weiterführende Quellen: